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Der Gewinner des FIPRESCI-Preises beim 15. Flying Broom International Women’s Film Festival ist La mujer de Iván

Natalia und Ivan leben in einem Haus, das mit zusätzlichen Alarmanlagen ausgestattet wurde. Kommt ihm jemand zu nahe, geht ein Signal los und Natalia muss außer Sichtweite ins Hinterzimmer kriechen. Da heißt, wenn sie sich nicht sowieso im Keller hinter der Stahltür aufhält, wo sie den Großteil ihrer Zeit verbringt seit Ivan sie entführt hat. Seitdem hält er sie vor anderen Menschen versteckt, kontrolliert was sie isst, wie sie sich kleidet und was sie liest. Wenn sie ihm nicht sofort gehorcht, kann er sie dazu bringen.

© Ilker Yavuz

María de los Ángeles García und Marcelo Alonso

Obwohl ihre Situation nicht statisch ist, nicht einfach die von Unterdrücker und Unterdrückter ist  – Natalia arbeitet ständig daran, ihren Raum auszuweiten, sich hoch, ins Licht zu arbeiten – kann sie als Vergrößerungsglas für die Beziehung zwischen Mann und Frau im Allgemeinen dienen. Wie sie mit ihm flirtet, um sich “Vergünstigungen” zu erarbeiten die eigentlich ihr gutes Recht sind, und wie sie sich darauf trainiert hat, ein braves Mädchen zu sein, so sehr, dass wenn sich ihr eine Chance zur Freiheit eröffnet, sie sie vielleicht nicht ergreifen kann, kann die Zuschauerin veranlassen, ihr Verhalten Männern gegenüber grundsätzlich in Frage zu stellen. Diese Zuschauerin hat es jedenfalls getan.

© Ilker Yavuz

Die Fipresci-Jury mit Francisca Silva

Francisca Silva, die chilenische Regisseurin von Ivan’s Woman (La Mujer de Iván) hat ein Jahr lang Entführungsfälle recherchiert. Ein österreichisches Beispiel neueren Datums kommt einem da in den Sinn, aber in Lateinamerika gab es weitere. Im Interview erklärte sie sich fasziniert von der „Unzerbrechlichkeit, die Beziehungen haben, die im Schmerz geschlossen wurden“ und führt den Nachtportier als Einfluss an.

1982 in Santiago de Chile geboren, besuchte sie die örtliche Schauspielschule, war sich aber schon im Abschlussjahr bewusst, dass sie sich mehr für die Organisation einer Szene interessierte, als dafür, selbst auf der Bühne zu stehen. Nachdem sie mit Freunden von der Schauspielschule erste Projekte realisiert hatte, war die Escuela de Cine de Chile der logische nächste Schritt.

Ihre Ausbildung muss ihr bei der Arbeit mit den Schauspielern Marcelo Alonso und María de Los Ángeles García nützlich gewesen sein. Den ersten wählte sie für die „unterschwellige Drohung“ aus, die er ausstrahlen kann, sowie für seine intellektuellen Fähigkeiten, die zweite für ihr Talent, spontan in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen – etwas, das ihr Charakter können muss, um in Ivans Gefängnis zu überleben.

Zusammen mit ihrem Kameramann Daniel Vivanco hat Francisca Silva einen markanten Look für jeden ihrer Schauplätze kreiert und einen Stil, der ihrem Alter um Jahre voraus  ist. Es ist schwer zu glauben, dass dies ihr erster Spielfilm ist, so sicher folgt sie ihrem Rhythmus, wechselnd zwischen Gegenwart, Rückblende und Vorausblende.

Ich fragte sie, welches ihre Traumrollen gewesen wären, wäre sie beim Schauspielberuf geblieben, und sie musste eine Weile nachdenken, da sie sich, wie sie sage, nie wirklich als Schauspielerin gesehen hatte und sie deswegen solche Träume gar nicht hatte, aber später fielen ihr dann doch Hamlet ein und Tschechows Nina, obwohl es sie eigentlich mehr zur Komödie hinzöge. Könnte ihr nächster Film denn eine Komödie werden? Sie  verneinte, denn für eine Komödie möchte sie noch etwas reifer sein und ihr Werkzeug besser beherrschen.

Nach einem Film über Entführung und Missbrauch wünscht sich diese Regisseurin mehr Reife für eine Komödie? – Dieses junge Talent sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

© Ilker Yavuz

Francisca Silva mit Urkunde und den Dolmetscherinnen Müge Atala und Vera Jiménez Ullrich

Zur Zeit unserer Unterhaltung hatte Ivan’s Woman noch keinen Verleih.

 

Dies ist die deutsche Version eines Artikels, der auf www.fipresci.org in englischer Sprache erschienen ist.