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 Nana ist ein wunderschöner kurzer Spielfilm über ein 4jähriges Mädchen, seinen Großvater und seine Mutter, bei denen es abwechselnd zu leben scheint. Er ist bestechend schön fotografiert, mit eindrucksvollem Sound und gibt dem Zuschauer nur das Nötigste, aber das auf meisterhafte Weise. Die drei Laiendarsteller Kelyna Lecomte, Marie Delmas und Alain Sabras haben ihre Natürlichkeit behalten.

Und: In der ersten Szene wird ein Schwein geschlachtet. So war auch eine der ersten Anmerkungen bei der Fragrerunde mit der Regisseurin: „Da wir kein Schwein essen, war diese Szene für uns fremd.“ Dies wurde von Regisseurin Valérie Massadian mit einer patzigen Replik gekontert.

In einer anderen Szene liest die Mutter der Tochter ein Märchen vor. Selbstverständlich kam die Frage aus dem Publikum, was die Bedeutung dieses Märchens wäre. „I don’t know, what’s it to you!“, kläffte die Regisseurin. Kompliment an das Publikum: hier hätte ich aufgegeben und den Saal verlassen, eventuell auch mein Geld zurückverlangt, aber die Cinephilen Ankaras wichen nicht.

Unverdrossen wagte sich ein weiterer an die Front, lobte die Einfachheit ihres Stils („Ein Kompliment an diese junge Regisseurin“) und verglich den Film mit einem Dokumentarfilm. – Vielleicht hielt er ihn auch für einen, das war nicht ganz klar. „Das ist kein Dokumentarfilm!“ raunzte die Regisseurin ihn an. „Und was das Schwein betrifft – in Argentinien hat mich jemand darauf angesprochen und ich fragte ihn, ob er Fleisch esse und rief dann Du bist ein Heuchler!“. Mon Dieu! Könnte die Fragestunde in Argentinien noch unangenehmer abgelaufen sein als in Ankara?

Ohne sich einschüchtern zu lassen, fragte das Publikum weiter: Nana spiele mit geschlechtsunspezifischem Spielzeug, ob die Regisseurin dazu etwas sagen wolle? „Das ist das Spielzeug mit dem ich gespielt habe, wen interessiert das …“ (Ich habe mir sagen lassen, dass es in der Türkei gerade eine Diskussion zu geschlechtsspezifischem Spielzeug gibt, also wäre das ein schöner Ansatz für Gespräche gewesen, aber das geht natürlich nicht wenn die Regisseurin sich quer stellt.)

An dieser Stelle wurde eine Dame im Publikum unruhig, und weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass jemand ihre harmlose Frage so unfreundlich beantwortet, wandte sie sich an die Dolmetscherin, um zu hören, ob die vielleicht etwas abweichend übersetzt hätte. „Wollen Sie sagen, meine Übersetzung wäre fehlerhaft?“ entsetzte sich diese daraufhin.

Allmählich begann ich das Schwein um sein relativ kurzes Ende zu beneiden. Einer hatte es hinter sich.

Aber trotzdem: Schluß mit der Schweineschlachterei im Film. Mittlerweile gibt es kein geläufigeres Klischee für Authentizität. So wie der Traum für Freud der Königsweg zum Unbewussten war, ist das sterbende Schwein für Regisseure der Shortcut zum Realismus. Nach Ermanno Olmis Holzschuhbaum müssen sie sich mal was anderes einfallen lassen. (Vielleicht eine Animation? Wie Simone Massi in Dell’Ammazzare il Maiale)